Wiedereinstieg in den Beruf und die Vereinbarkeitslüge

Bild: The Incredibles in der Falle
Selbst The Incredibles können irgendwann nicht mehr weiter...

Die letzte Woche war für mich recht ereignisreich, denn ich bin wieder in das Arbeitsleben eingetreten! Beziehungsweise in die Erwerbstätigkeit. Denn ich habe noch nie einen so anstrengenden Job gehabt wie das Jahr der 24/7-Kindbetreuung.

 

Ich habe mich wirklich sehr über den Wiedereinstieg gefreut: Nette Kollegen, ein schöner Ausblick vom Büro auf Unter den Linden und - natürlich das wichtigste - sehr interessante Aufgaben. Grob gesagt werde ich im Bereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Auswärtigen Amtes tätig sein. Passt, würde ich sagen. :-)

 

Vielleicht interessiert euch, wie wir das organisatorisch handhaben werden mit Aaron? Ich bin in Vollzeit wieder eingestiegen, werde 50 Prozent davon aber im Homeoffice und damit zeitlich flexibel arbeiten können. Das heißt, die Nachmittage mit Kind sind gesichert, denn schließlich möchte ich auch unter der Woche noch etwas von Aaron haben. Und wenn er dann im Bett ist, dann werde ich mich wieder an den PC setzen. Also für mich eine sehr gute Regelung. Da mein Mann freiberuflich tätig ist, wird er auch einige Nachmittage die Woche übernehmen, so muss ich dann nicht jeden Abend noch arbeiten und wir haben auch noch Zeit für uns.

 

Aaron wird circa 7 Stunden am Tag in die Kita gehen, nach der Arbeit werde ich beziehungsweise wird mein Mann ihn abholen. Die Kita ist übrigens eine ganz großartige Sache: Aaron geht sehr gerne morgens hin und er lernt wirklich unglaublich viel dort! Ich muss darüber mal einen separaten Eintrag schreiben, aber ich kann wirklich nur für einen frühen Kitabesuch plädieren. Vorausgesetzt natürlich, die Einrichtung ist wirklich kinderfreundlich und nicht überfordert UND euer Kind langweilt sich zu Hause schon und braucht einfach mehr Anregung und Spielkameraden.

 

Eine optimale Situation, über die ich auch wirklich sehr glücklich bin! Nicht jeder hat den Vorteil, Vollzeitjob und Kind zu verbinden. Und etwas kommt dann leider immer zu kurz, da kann mir niemand etwas von Vereinbarkeit von Familie und Beruf erzählen! Mir ist außerdem sehr wichtig, dass so kein Stress aufkommt. Denn seit ich Revolutionary Road von Richard Yates gelesen habe, habe ich ein gewisses Augenmerk darauf, wie viele Eltern (und infolgedessen auch Kinder) unzufrieden sind, obwohl sie auf dem Papier doch alles haben! Reizende Kinder, den Partner fürs Leben, einen interessanten Job, finanzielle Sicherheit… Was mehr könnte man sich wünschen? Aber - und jetzt kommt der große Haken: Es fehlt einfach die Zeit! Die Zeit, all das Gute zu genießen, das einem vom Leben geschenkt wurde. Und dann wird man achtlos gegenüber dem Schönen, weil man so durch die notwendigen, aber leider anstrengenden Alltagsmomente hetzt. Und für mich gibt es fast nichts schlimmeres, als unzufrieden und achtlos gegenüber dem eigenen tollen Leben zu sein. Das eigene Glück nicht zu schätzen.

Bild: Kreisel dreht sich
Wie im Alltag: Man dreht sich schneller und schneller, die Umgebung verschwimmt und irgendwann kann man nicht mehr...

Achtsamkeit

Und irgendwann ist man auf einmal alt oder älter, die Kinder sind aus dem Haus, die Karriereleiter hat man erklettert und auf einmal hat man wieder Zeit. Zeit zu reflektieren und in Erinnerungen zu schwelgen und sich dann irgendwann bewusst zu werden, wie wenig man das alles in der jeweiligen Situation wirklich genossen hat! Auf dem Spielplatz mit einem Auge immer auf dem Smartphone, weil man auf eine wichtige Mail wartet. Die gemeinsamen Morgen und Frühstücke mit der Familie einfach nur chaotisch und gehetzt, weil jeder einem Terminkalender folgen muss und dann auch noch diese Kinder sich einfach nicht ihre Schuhe anziehen wollen! Ihr kennt sicher alle diese Situationen.

 

Und gibt es etwas Schrecklicheres als Reue? Zu wissen, man hat etwas falsch gemacht und verloren und es einfach nicht wiederholen und bessermachen zu können? Ist dann aber einfach so. Diese Zeit kommt nie wieder. Und ihr könnt euer Leben nicht noch einmal bewusster leben. Das ist ein bisschen wie beim Fotografieren im Urlaub: Ihr habt zwar alles im Fotoalbum eingeklebt, aber habt ihr damals wirklich den tollen Sonnenaufgang bewundert oder schnell hektisch den Fotoapparat aus der Tasche gezerrt? Gestaunt, wie geschmeidig sich der Löwe in der Sonne geräkelt hat oder schnell noch ein anderes Objektiv auf die Kamera geschraubt? Diese ganzen Emotionen in den Erinnerungen, die könnt ihr nicht sammeln, wenn ihr nicht einhaltet und bewusst im Hier und Jetzt seid.

 

Bewusste Entscheidung

Ich möchte hier wirklich nicht für Heimchen am Herd plädieren, das ist so ziemlich das Gegenteil von mir. Und ich bin eindeutig in einer privilegierten Situation: Alles vereinen KANN einfach nicht jeder.

 

Worauf ich hinaus will, ist einfach ein Appell an euch Mit-Eltern: Macht euch bitte bewusst, was ihr wollt! Horcht in euch hinein, was euch wirklich wichtig ist. Ich denke jedes Kind ist glücklich, wenn seine Eltern glücklich sind. Und wenn euch eine 60-Stunden Woche glücklich macht und ihr dann die Wochenenden und Urlaube mit euren Kindern umso entspannter und ausgeglichener genießen könnt, weil ihr genau das macht, was euch erfüllt, dann ist das richtig so. Und wenn ihr gerne zuhause bleibt und ein Familienrefugium schaffen wollt, dann ist das auch genau richtig so. Hauptsache ihr wisst, was euch und eurer Familie gut tut.

 

Gelegenheit zu arbeiten und Karriere zu machen wird gerade unsere Generation noch genug haben. Wir werden lange fit bleiben und wollen wir wirklich 20-30 Jahre in der Rente nichts Produktives machen? Vermutlich ohnehin nicht. Also entscheidet euch lieber jetzt für ein Lebensmodell und einen Job, der euch erfüllt, zu eurem Leben passt und den ihr gerne macht. Eure Kinder werden es euch danken und vor allem: Ihr werdet es euch danken!

 

Bild: The Incredible steckt fest
Auch ein Unglaublicher kann sich manchmal nicht alleine befreien.

Partnerschaft und Familie

Arbeitet im Zweifel beide jetzt etwas weniger und dafür später etwas länger. Ja, beide!

 

Wieso sollen Väter ganztags arbeiten und nichts von ihren Kindern mitbekommen? Wieso sollen Frauen zuhause bleiben, finanziell abhängig sein und später eine Mini-Rente bekommen, „nur“ weil sie ihren Kindern eine glückliche Familie bieten wollen? Gerechtigkeit sieht anders aus… Und wenn wir gerade beim Finanziellen sind: Nicht alle können es sich leisten, dass bei oder auch nur einer weniger arbeitet. Aber versucht lieber an euren Ausgaben zu schrauben als an den Einnahmen. Euer Kind braucht nicht viel: Ebay Kleinanzeigen hilft euch, nur kurz benutzte Sachen von anderen Kindern für ein Viertel bis ein Drittel zu bekommen. Teure Urlaube müssen nicht sein. Ich kann mir zum Beispiel nichts unentspannteres vorstellen, als mit einem Kleinkind einen Langstreckenflug zu unternehmen. Ihr müsst eurem Kind nicht die Welt bieten, die kann es sich später gerne selber erarbeiten! Was ihr aber eurem Kind bieten müsst, die Verpflichtung habt ihr im Moment der Empfängnis automatisch unterschrieben: Eine glückliche Kindheit!

 

Und hier schließt sich der Kreis wieder, denn glückliche Eltern ergeben glückliche Kinder. Was ich auchnoch einmal wiederholen möchte: Bitte bitte hört in euch hinein, was ihr wollt, nicht euer Partner/eure Mutter/die Gesellschaft/der Arbeitgeber (der einen im Zweifel zum Dank für die vielen unbezahlten Überstunden auch noch bei Beförderungen übersieht). Was ihr wollt! Am Ende eures Lebens müsst ihr euch nur vor euch und euren Kindern rechtfertigen.

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